ACHTUNG: Folgender Text ist nicht von mir. Er erschien in der Satirezeitschrift Titanic, von wo ich ihn abgetippt habe.
Die neue TV-Serie »Teletubbies« soll, so ist es geplant, schon Zweijährige auf sanfte Weise ans Fernsehen heranführen. Doch das ist völliger Quatsch. Die Welt der Teletubbies ist hochkompliziert und bestenfalls erst ab achtzehn halbwegs durchschaubar. Hans Zippert (42) glaubt, das meiste verstanden zu haben, und beantwortet Fragen, die er sich selbst gestellt hat.
Vier.
Die Teletubbies sind rundliche Wesen. Eine Mischung aus Waldorfpuppe und Vulkanier.
Rudolf Steiner hat sich hier auf ideale Weise mit Mr. Spock verbunden. Ihre Gesichter
drücken grenzenloses Erstaunen aus; und dazu haben sie auch allen Grund, denn ihre Welt ist
unbegreiflich. Die Teletubbies stecken vom Kopf bis zu den Füßen in verschiedenfarbigen
Ganzkörperoveralls und bewegen sich manchmal plump und unbeholfen, manchmal aber auch
überraschend schnell.
Tinky Winky, Dipsy, Laalaa und Po. Tinky Winky steckt in einem lila Overall, er ist laut Inseiderinformation ein Junge »und der größte und liebenswürdigste Teletubby. Sein Lieblingsgegenstand ist eine Tasche, mit der er gerne spazieren geht«. Herzlose Menschen glauben deshalb, daß Tinky Winky schwul sei. Aber die Teletubbies haben keine sichtbaren Geschlechtsteile. Sie pflanzen sich auch nicht fort, es bleiben immer vier. Sie haben nicht das geringste Interesse an Sexualität, wie wir sie kennen, deshalb sind sie auch so glücklich.
Tinky Winky hat auf dem Kopf eine umgekehrte Triangel. Dipsy ist ebenfalls ein Junge, trägt grün und auf dem Kopf eine lange Antenne. Häufig ist die Antenne durch einen großen Hut verdeckt, der zum letzten Mal auf einer alten George-Harrisen-Platte gesehen wurde. Das gelbe Mädchen Laalaa spielt gerne mit einem Ball und ist ganz besonders fröhlich. Auf dem Kopf trägt sie eine leicht verdrehte Antenne. Po ist ebenfalls ein Mädchen, rot und meistens mit einem Roller unterwegs. Obendrauf hat sie ein kreisförmiges Gebilde, das an die Blasvorrichtung aus der »Pustefix«-Seifenblasendose erinnert. Der Name ist keineswegs anstößig, wenn man ihn »Paoh« ausspricht.
Da haben die vier rechteckige Stoffetzen aufgenäht, die Klettverschlüssen ähneln. In Wirklichkeit sind es Bildschirme, auf denen zu bestimmten Gelegenheiten Einspielfilme zu sehen sind. Die Teletubbies geraten dabei immer völlig aus dem Häuschen. Möglicherweise werden sie durch den Empfang von Fernsehbildern sexuell stimuliert. Vielleicht finden sie es aber auch toll, daß sie mit dem Bauch fernsehen können.
»Hinter den Hügeln und keinem bekannt, hier liegt das Teletubbyland.« Diese magische
Formel wird zu Beginn jeder Sendung aufgesagt, um ihren märchenhaften Charakter zu betonen.
Das könnte aber auch eine bewußte Irreführung sein. Das Biotop der Teletubbies ist eine
semivirtuelle, kryptonatürliche Welt. Auf den ersten Blick eine typische Hügellandschaft mit
teils echtem, teils künstlichem Gras und vollkommen künstlichen Blumen unter einem absolut
echten Himmel. Bevölkert wird diese Landschaft hauptsächlich von Kaninchen und natürlich von
den Teletubbies.
Sie wohnen in einem kleinen Tal, das stark an einem Meteoritenkrater erinnert. Durchaus möglich, daß hier ein unbekanntes Flugobjekt aufgeschlagen ist; Aussehen und Verhalten der Teletubbies würden sich daraus erklären lassen. Andererseits haben wir es vielleicht auch nur mit einem stillgelegten Golfplatz zu tun, einem Turnierminigolfplatz möglicherweise, denn darauf deutet die Behausung der Teletubbies hin.
Das Leben der Teletubbies wird ununterbrochen von Kameras überwacht. Die Teletubbies finden das nicht schlimm, sie merken sofort, wenn sie gefilmt werden, und winken dann gerne in die Kamera.
Vielleicht kommen die Teletubbies also von einem Minigolfplaneten. Ihr irdisches Zuhause ist jedenfalls der »tubbytronische Superiglu«, dessen Inneres mit der Kommandobrücke des Raumschiffs Enterprise durchaus mithalten kann. In der Enterprise gibt es aber keine Tubbytoasts, die Hauptnahrung der Teletubbies. Flüssigkeit nehmen sie nur selten und dann eher über die Füße auf (vgl. die Folge, als es plötzlich regnete und Po in die Pfütze trat). Wahrscheinlich ziehen sie die benötigte Flüssigkeit aus dem Toast.
Im Superiglu arbeitet der Staubsauger NoNo mit unaufdringlicher Freundlichkeit gegen den Dreck auf Tinky Winkys Handtasche und Tubbytoastkrümel an. Nach über dreimonatiger intensiver Beobachtung kann ich leider immer noch nicht sagen, ob NoNo nun Untergebener oder Chef der Teletubbies ist. NoNo ist außerdem das einzige Wesen, das über eine Art Geschlechtsorgan verfügt, seinen Saugschlauch, und über Stielaugen. Er gibt auch ständig schmatzende Geräusche von sich.
Ins Innere des Iglus gelangt man über eine Rutsche oder durch eine automatische Tür, die sich mit einem ähnlichen Geräusch öffnet wie die Türen auf der Enterprise. Am Anfang jeder Sendung werden die Teletubbies aus dem Inneren auf das Dach des Iglus katapultiert. Wie das vor sich geht, erfährt man nicht. Die Teletubbies beenden nie eine Mahlzeit. Schuld daran ist das magische Windrad.
Es sieht aus wie ein ganz gewöhnliches Windrad, aber sobald es in Bewegung gerät, geht eine merkwürdige Veränderung in den Teletubbies vor. Sie werden ganz aufgeregt, lassen ihr Essen stehen und rennen aus dem Superiglu. Nicht weit entfernt vom Windrad nehmen sie Aufstellung und wackeln aufgeregt hin und her. Sie werfen sich vor Begeisterung auf den Rücken und strampeln wie Käfer mit den Beinen. Das Windrad beginnt Sternenwirbel auszusenden, und die Bauchfenster der Teletubbies werden illuminiert. Alle vier beobachten gespannt das Geschehen, bis schließlich einer von ihnen die Übertragungsrechte bekommt.
Der Einspielfilm wird auf dem Bauch von nur einem Teletubby ausgestrahlt. Der freut sich: »Ich bin dran, Dipsy ist dran« oder »Ich habe es, Po!« oder »Jaa, ich bin dran Tinky Winky, jaa« oder auch »Oooh, sssön, Laalaa dran.«
Nicht immer bedeutet Windrad auch Film. Manchmal passiert auch einfach etwas Ungewöhnliches im Teletubbieland. An dem Tag, als Po die Fahne entdeckte, marschierten zum Beispiel auch je zwei Tiger, Schlangen, Pinguine und Elefanten, Flamingos, Schmetterling, Schildkröten, Giraffen und Frösche zu schmissiger Marschmusik durch das Gras. Und als ein andermal die Wolke über dem Teletubbyland stand, lief plötzlich alles voller Wasser, und drei große Ozeandampfer vollführten ein schönes Ballettmanöver vor den Augen der Teletubbies.
Die Freude der Teletubbies ist vollkommen grundlos, denn was sich da auf ihren Bäuchen
abspielt, ist grauenvoll. Echte Kinder winken den Teletubbies zu: »Ich heiße Sven, und meine
Mutter ist Kinderärztin. Heute wollen wir zuschauen, wie sie meine kleine Schwester
untersucht.« Was heißt schon wollen – wir müssen!
Wir müssen Kindern beim Radfahren oder Kofferpacken zusehen, genauso wie die Teletubbies, die unter einer geheimnisvollen Hypnose zu stehen scheinen. Denn kaum ist der Schwachsinn zu Ende, rufen sie »Noch mal, noch mal!« Und was passiert? Der Film wird tatsächlich wiederholt! Die Verantwortlichen beim Kinderkanal behaupten: »Wir zeigen Aktionen im Bild ausführlicher als sonst und in gemessenem Tempo. Schließlich sollen die jungen Zuschauer die Handlung nachvollziehen und damit sich selbst und ihre Umwelt wiedererkennen.« So ein hirnverbrannter Quatsch! Wozu sollen sie denn sich selbst und ihre Umwelt wiedererkennen? »Guck mal, die bauen da denselben langweiligen Scheiß wie ich zu Hause.«
Das Teletubbyland ist randvoll mit toller Musik. Viel Banjo, Marschrhythmen, Glockenspiel. Die Erkennungsmelodie geht einem nicht mehr aus dem Sinn; »Tinky Winky, Dipsy, Laalaa, Po / Teletubbies, Teletubbies sagen hallo!« Und noch mal...
Das Ausdrucksvermögen der Teletubbies ist unterschiedlich ausgeprägt. Tinky Winky beherrscht vollständige Sätze, bei Dipsy läßt es schon etwas nach, während LaaLaa und Po hauptsächlich: »Was das?« rufen. Alle Teletubbies begrüßen sich gerne mit den Lauten »Ah-Oh«, wobei das »Ah« mindestens vier Halbtonschritte höher als das »Oh« angesetzt wird. Hauptsächlich sind Laute des Erstaunens und der Verzückung zu hören. Jeder, der mit einem schmatzenden Staubsauger und einem Tubbytoastautomaten in einem graßbewachsenen Iglu leben müßte, würde wohl ähnliche Laute von sich geben.
Das Teletubbyland ist voller Wunder und Abenteuer. Permanent verändert sich etwas. Mal
regnet es, dann liegt da ein Ball, dann ist da ein Schaf, und noch eins, ein Stuhl erscheint
und verschwindet wieder, und ständig hoppeln Kaninchen durch die Gegend. Das ist lustig.
Erwachsene gibt es nicht, Kinder erst recht nicht. Hauptdaseinszweck der Teletubbies ist die
Kontemplation. Vor allem Tinky Winky und Dipsy spazieren gerne singend und summend durch die
Hügel und verfallen beim Anblick eines Stuhles ins Grübeln. Laalaa läuft ihrem Ball
hinterher, und Po fährt mit dem Roller. Dabei entdecken sie in jeder Folge ein neues
Phänomen, über das sie nachdenken müssen, oder sie geraten in den Einfluß der
Einspielstrahlen, was nicht so günstig ist. Mit Vorliebe springen sie sich auch bäuchlings
an und rufen: »Tubbyschmusen!« Dann bilden sie einen Kreis, packen sich an den Schultern und
wackeln mit den Hüften. Die Teletubbies haben etwa 322 Möglichkeiten Freude
auszudrücken.
Urplötzlich können aus dem Boden merkwürdige Gebilde wachsen, die wie Duschköpfe in alten stinkigen Hotels aussehen. Daraus ertönen geheimnisvolle Stimmen: »Wo sind die Teletubbies hin? Wo sind die Teletubbies hin?« Manchmal werden auch einfache Befehle erteilt, wie zum Beispiel in der Folge, wo LaaLaa den Stuhl entdeckt und der Duschkopf sie anherrscht: »Setz dich! Steh auf! Setz dich! Steh auf! Setz dich! Steh auf! Setz dich! Steh auf!« Bis es Laalaa zuviel wird. Sie greift sich den Stuhl und läuft weg: »Ssuviel Quatschimatschi.« Am Ende jeder Folge befiehlt die Stimme aus dem Duschkopf: »Zeit für Tubby-Winke-Winke, Zeit für Tubby-Winke-Winke.« Die Teletubbies kichern und rufen: »Nein, nein...« Doch der Duschkopf ist unerbittlich: »Winkewinke, Tinky Winky, winkewinke, Dipsy, winkewinke Laalaa, winkewinke, Po!«, und die Angesprochenen winken und verschwinden. Aber dann tauchen sie noch mal auf, und die Winkerei geht von vorne los. Eine weibliche Stimme sagt besänftigend: »Die Sonne wird bald untergehen, die Teletubbies sagen Auf Wiedersehen!« Es wird wieder gewunken und dann springen sie in das Loch, aus dem sie zu Beginn katapultiert wurden.
Das ist eine Speziallichtquelle, die nur über dem Teletubbyland aufgeht. Eine Sonne mit einem Babygesicht, das erstaunt dem ganzen Treiben zusieht und richtig lachen kann, wie wir das von unserer Sonne seit Jahrmillionen vergeblich erwarten. Die Babysonne ist nicht mit unserem zentralen Himmelskörper identisch, stellt aber die wichtigste Energiequelle für die Teletubbies dar. Ist die Sonne verschwunden, können auch die Teletubbies nicht mehr existieren. Vielleicht überträgt das magische Windrad dann auch keine Bilder mehr.
Zwei- bis Fünfjährige sollten unter keinen Umständen dem Anblick dieser Wesen ausgesetzt
werden. Sie könnten sonst schweren Schaden erleiden. In England sind bereits mehrere Kinder
in der Psychiatrie gelandet, weil sie vor jedem Windrad stehenblieben und darauf warteten,
daß auf ihrem Bauch ein Film gezeigt wird. Ein Erwachsener weiß dagegen, daß der Fernseher
die natürliche Fortsetzung seines Bauches ist, und wartet dort auf die Bilder. Hilfreich ist
der Besitz psychedelischer Musik (z.B. »Electric music for the mind and body« - Country Joe
& the Fish) und die Kenntnis der englischen Serie »The Prisoner« (»Nummer 6«) mit
Patrick MacGoohan. Übergangsweise tut es auch ein Video von Dana International beim Grand
Prix d’Eurovision in Jerusalem.
Positiv. Sehr positiv. Drei Folgen hintereinander können das Aggressionspotential bereits erheblich heruntersetzen. Ein eigenartiges Glücksgefühl macht sich breit, man fühlt sich gut und sieht irre Bilder – ein Drogenrausch ohne schädliche Nebenwirkungen. Allerdings müssen die Teletubbies sofort aus dem Vormittagsprogramm entfernt werden. Statt dessen sollte die ARD einen Tubbykanal einrichten, auf dem von 18.00 bis 24.00 Uhr nur Teletubbies gezeigt werden. Natürlich ohne Einspielfilme. Die Kriminalitätsrate würde sinken, der Drogenkonsum zurückgehen, und der Verbrauch von Toast würde ansteigen. Teletubbies wären eine ideale Friedenstruppe für das Kosovo.
Die BBC und der Kinderkanal halten die genaue Lage des Teletubbylands geheim. Sie haben das gesamte Gebiet mit Kameras vermint, damit ihnen nicht die geringste Aktivität der Teletubbies entgeht. Die duschköpfigen Lautsprecher halten die Teletubbies unter Kontrolle, und das magische Windrad versorgt sie mit bewußtseinszerstörenden Filmen. Wozu aber der Aufwand bei erwiesenermaßen friedlichen Wesen? Die Erklärung ist einfach: Die Teletubbies werden gegen ihren Willen gefangengehalten, damit die BBC möglichst lange Geld mit der Übertragung ihrer Abenteuer verdienen kann.
Aber was heißt schon gegen ihren Willen? Die Teletubbies haben gar keinen Willen, sie treiben in einem Zustand permanenten Glücks durch eine für sie wunderschöne Welt. »Oh! Was das? Schwedische Gardinen? Sssön! Gefängnis, hihi.« Egal was man uns erzählen will – das Teletubbyland gibt es wirklich, es liegt irgendwo hinter den Hügeln, soviel ist sicher. Nur: hinter welchen, das müssen wir noch herausfinden. Zur Zeit ist es von feindlichen Fernsehsendern okkupiert, aber eines Tages werden wir Teletubbyland befreien!
Wir werden die blöden Einspielfilme vernichten und das Windrad neu programmieren. Dann werden wir alle in einem Superiglu leben und leckere Toasts essen und müssen nie mehr arbeiten. Aber – was das? Ich muß aufhören, magisches Windrad dreht sich! Schnell! Zeite für Telezippi winkewinke! Winkewinke, lieber Leser, winkewinke!
Die Dokumentarfilme aus dem Teletubbyland kann man zur Zeit werktags um 9.00 Uhr und 12.15 Uhr im Kinderkanal sehen. Wiederholungen am Wochenende in ARD und WDR 3. Beitrittserklärungen zur Teletubbybefreiungsfront nimmt die Titanic-Redaktion entgegen.